Von Jura Soyfer

 „Soyfer konnte das Volk, an das er sich wandte, nicht erreichen“[1] Sein Publikum in den Theatern für 49 bestand überwiegend aus bürgerlichen Intellektuellen.

theaterfink gibt Jura Soyfer das Publikum, das er verdient hatte! Mit unserer besonders niederschwelligen Art des Inszenieren iim öffentlichen Raum wollen wir seinem Wunsch, das Volk zu erreichen, nachkommen. Hierfür werden die Texte auch gekürzt, durch die Figurenszenen verbildlicht und satirische Seitenhiebe auf die politische Lage der 1930er aktualisiert. Auch die Musik spielt eine wichtige Rolle. Im Kontext der jeweiligen Inszenierung wurde sie neu komponiert und trug maßgeblich dazu bei, Publikum anzuziehen, welches nicht ursprünglich vor hatte die Theateraufführung zu besuchen.

Für die erste Inszenierung von theaterfink Der Lechner Edi schauf ins Paradies komponierte der Meister der Knopferlharmonika, Walther Soyka Wunderbares im Sinne des „raunzigen“ Wienerliedes. Die Liedtexte für Die Botschaft von Astoria – Lil katar e Astorija vertonte das Trio Klok im jazzigen Gipsy-Style.

 Das inszenieren im öffentlichen Raum bietet die Möglichkeit die Aktualität Soyfers Texte in zeitgemäße Bezüge zu setzen.

Sieben Jahrzehnte nach der großen Wirtschaftskrise hat Soyfers 1936 geschriebenes Stück Der Lecher Edi schaut ins Paradies nichts an Aktualität verloren. Wieder stecken wir mitten in der wirtschaftlichen Krise und müssen uns fragen: Wer ist schuld an der Miesere? In Form einer theatralen Prozession zog das Publikum vorbei an Gemeindebauten, erbaut im Roten Wien der 1920er Jahre, der Zeit als Jura Soyfer in Erdberg zur Schule ging. Von 1923 bis zu seiner Matura 1931 führte ihn sein täglicher Schulweg von der Gärtnergasse zum Gymnasium in der Hagenmüllergasse durch das Erdberg der Zwischenkriegszeit. Hier erlebte er die Blütezeit der Sozialdemokratie und auch ihren beginnenden Niedergang, sowie die Anfänge der großen Wirtschaftskrise. Edis Zeitreise wird so auch zu einer Zeitreise in Soyfers Vergangenheit. Das ist sogar wörtlich zu nehmen, denn die Arbeitsstätten und Geschäftslokale, die als Kulissen der einzelnen Stationen dienten, existierten bereits zu seinen Lebzeiten. Das Thema der Arbeitslosigkeit bekommt einen besonders schalen Beigeschmack durch das Bespielen der Geschäftslokale. Kleingewerbetreibende sind die Verlierer in diesem kapitalistischen System, wo die Kleinen von den Großen gefressen werden.

Um der Aktualität des Stücke Die Botschaft von Astoria  besonders Rechnung zu tragen kooperierte theaterfink mit dem Verein Romano Svato, der sich für die Einbringung der Romathematik verantwortlich zeigt. So wurde auch die Regie von Sandra Selimovic, einer gebürtigen Romni aus Serbien, bestritten. Sie stellte die Frage: „Brauchen Roma einen Staat? Sie wurden verfolgt, zwangsassimiliert oder abgeschoben, aus ihren Siedlungen vertrieben und von Staaten diskriminiert. Wer sich eine bessere Heimat sucht, muss mühsame, teure, bürokratische, teils absurde Forderungen erfüllen. Wer die falschen Papiere hat, gehört nicht dazu. Der Staat erscheint als Kontrollorgan und Geldmaschinerie. Die Menschen und ihre „einfachen” Wünsche werden vergessen – Soziale Strukturen, Freunde und Familie.“[2]

 Die Botschaft von Astoria basiert auf dem sehr aktuellen Gegensatz der Begriffe Staat und Heimat. In der momentanen wirtschaftlichen Situation entsteht der Eindruck, Staaten kümmert sich mehr um das Finanzwesen, als um die Menschen. Banken werden gerettet, es wird Geld unter Staaten verliehen und verzinst, mit Auflagen die den BürgerInnen aufgelastet werden. So wird die Schere zwischen Arm und Reich immer größer und wer gesellschaftlich ganz unten steht, spürt das als Erstes. Mit Romano Svato soll dieses Thema um einen Schritt erweitert werden. Durch den Zusammenbruch des Kommunismus und dem damit verbundenen Niedergang der in den Oststaaten ansässigen Industrie, sind Roma wieder vermehrt auf das „Herumziehen“ angewiesen. Doch auch aus den umliegenden EU-Ländern mehren sich die Meldungen über Gewalt und Vertreibung. Aber wohin soll sich das Volk ohne Staat wenden? Und wo suchen Roma ihre Heimat? Eines ist gewiss, Astoria bleibt verschlossen – Lil katar e Astorija.

 Im Aktualisieren von Soyfers Texten besteht keine besondere Schwierigkeit, hat sich doch das auf Kapitalismus aufbauende System in dem wir Leben nicht grundlegend verändert. „Die Erde dreht sich nicht! Das ist ein galileisches Vorurteil!“[3], sagt einer der Angehörigen der astorischen Botschaftsgesellschaft.

Doch wir haben uns weiter bewegt und nicht aufgegeben Jura Soyfer den Menschen näher zu bringen. Im Wintersemester 2012/13 veranstaltete das Institut für Theater- Film und Medienwissenschaften eine Lehrveranstaltung mit dem schönem Titel:"Jura Soyfer - heute inszeniert" unter der Leitung von Susita Fink. Mit Studierenden wurde eine Ausstellung über aktuelle Iszenierungen erarbeitet, die an Soyfers Geburtstag am 8. Dezember 2012 mit einem Festakt eröffnet wurde. Im Rahmen der Eröffnung wurde am Eingang des nach Soyfers benannten Hörsaales des Universitätsinstitutes eine würdige Gedenktafel angebracht. 

Folgen Sie dem Link und sehen Sie selbst: http://perm.ly/jura-soyfer

 


[1] Jarka, Horst: Jura Soyfer, Leben, Zeit, Werk. Löcker Verlag. Wien 1987. S.270

[2] Selimovic, Simonida: Brauchen Roma einen Staat?.In: Programmheft zu: Die Botschaft von Astoria. Eine Koproduktion von Theaterfink und Romano Svato. Premiere 30.August 2012. S.7

[3] Jarka, Horst (Hg.): Jura Soyfer Werkausgabe, Bd 2 Szenen und Stücke. Deuticke Verlagsgesellschaft m.b.H. Wien – Frankfurt/Main 2003. S.153